Die Geschichte der DIG Karlsruhe
Kleine Chronik der Deutsch-Italienischen Gesellschaft
zum sechzigsten Geburtstag
Kalt war es. Eisigkalt, und nicht nur draußen. Auch im Nebengebäude des Hotels, wo ein Teil der Reisegruppe untergebracht war,
rauchte es milchigweiße Wölkchen beim Atmen, sodass sie alle überschüssigen Decken über ihre Betten türmten. Selbst
beim Empfang in Florenz stand im Zimmer des Bürgermeisters nur einer dieser Heizstrahler mit offener Flamme über einer großen,
roten Gasflasche. Das Feuer versengte aber eher die Beine des antiken Schreibtischstuhls und röstete Waden, als dass es
den Raum richtig wärmte. Gerne haben sich die fröstelnden Karlsruher Gäste innerlich aufgeheizt, eifrig dem dargebotenen Wein
zugesprochen und sich über die Kälte gewundert: In Italien, das Land, wo die Zitronen blühen, ist es doch immer warm.
Aber es war ja nicht die übliche Zeit, Frühling oder Frühherbst: Diese Studienreise der Deutsch-Italienischen Gesellschaft
führte die Italienliebhaber ausnahmsweise schon Mitte Februar in die Toskana. Sie besichtigten Florenz, Lucca, Siena und
andere sehenswerte Orte und wurden zu ihrem Erstaunen dabei häufig von der Polizei eskortiert, als Respektbeweis,
vor allem aber wollten sie den „Carnevale di Viareggio“ erleben.
Am Tag nach dem eindrucksvollen Umzug bedeckte ein zehn Zentimeter hoher Konfettiteppich die Straßen,
und trotz ungemütlicher Temperaturen feierten die Karlsruher ausgelassen mit, noch heute erzählen sie begeistert
vom Riesenfeuerwerk, das als Abschluss über dem tyrrhenischen Meer glitzerte und funkelte. Das war 1969,
21 Jahre nach Gründung der Deutsch-Italienischen Gesellschaft.
Angefangen hat es vor 60 Jahren mit einigen Karlsruhern, die während des Krieges, etwa als Funker, an der Stiefelspitze
stationiert waren. In dieser Zeit hatten sie nicht nur Land und Leute schätzen gelernt, sondern sich auch mit italienischen
Familien angefreundet. Wieder in ihrer Heimatstadt, suchten die Italienbegeisterten Gleichgesinnte, und am 14. Mai 1948
war es dann soweit: Eine 30-köpfige Schar gründete im Gasthof „Zum Karlstor“ den Deutsch-Italienischen Club DIC
als Ortsgruppe der Frankfurter DIC. Ziel war nicht nur die „Aufnahme und Pflege aufrichtiger deutsch-italienischer
Freundschaftsbeziehungen“, auch die Sprache sollte laut Satzung erlernt und gepflegt sowie italienische Kunst und
Kultur bei den monatlichen Clubabenden vermittelt und ausgetauscht werden.
Gerade ins Leben gerufen, überschlugen sich dann auch schon fast die Ereignisse im Club: Kaum fünf Monate nach
der Gründung, Anfang Oktober 1948, zählte die interessierte Fangemeinde bereits 97 Mitglieder, und zu Beginn des
neuen Jahres löste sie sich von der Frankfurter Hauptstelle und machte sich selbständig. Seit dem 11. Januar 1949
nennt sich die heute 460-köpfige Gruppe Deutsch-Italienische Gesellschaft, kurz DIG, und sie haben bis zu ihrem 60.
Geburtstag in diesem Jahr Beachtliches auf die Beine gestellt: 49 Kochkurse, 51 Studienreisen nach Italien,
58 Theater- und Konzertbesuche, 61 Museumsbesuche, 124 Ausflüge, 127 Filmabende, 403 gesellige Abende, 513 Vorträge
und Seminare und knapp 700 Sprachkurse.
Die stattliche Liste zeigt eine überaus umtriebige und passionierte Gesellschaft mit einem eindrucksvollen Angebot,
das sich jedoch nicht erst in den letzten Jahrzehnten so mannigfaltig präsentiert. Bereits in den Anfangsjahren gab
es einige Sprachkurse (1949 kostete die Stunde 50 Pfennig), und das Programm verrät ein ideen- und facettenreiches
Repertoire rund um Italien: Pharmazierat Prof. Hoger zeigte zum Beispiel im April 1949 den ersten „Lichtbildervortrag“
von seiner Reise Mailand – Rom – Neapel 1939, den Chronistin Margot Kistner folgendermaßen beschreibt (Auszug):
„Dabei bezauberte besonders der Süden mit seiner verschwenderischen Pracht und Schönheit, mit dem Duft seiner
Rosengärten und dem Leuchten seiner Sonnenuntergänge.“
Auch ordentlich gefeiert wurde schon damals, und der erste gemeinsame Faschingsball im Februar 1949 mit der
„originellen Dekoration der beiden Mitglieder - Grafiker Franz Hoffmann und Bildhauer August Meyerhuber – löste
große Begeisterung bei den zahlreichen Teilnehmern aus.“ Nur wenige Monate später, im Juli 1949, trat die DIG d
ann mit einem eigenen Erkennungs- und Identifikationszeichen an die Öffentlichkeit: einem Emblem, das, von Hoffmann
entworfen, bis heute das Symbol des Vereins ist.
In den kommenden Jahren wächst das Spektrum kontinuierlich weiter, das Angebot wird immer vielfältiger, die
Vortrags- und Seminarthemen differenzierter und anspruchsvoller. So sprach Dr. Günther Morath 1950 über die
„Uranfänge der christlichen Kunst in Rom“, im selben Jahr fesselte laut Presse Dr. Carlo Hessemer mit
„Nietzsche und sein Italien“ die Zuhörer „durch die eigenwillige, Nietzsche kongeniale, schwungvolle Darstellung
des Philosophen, Dichters und Denkers“, zwei Jahre später gab Dr. Otto Gillen zum 500. Geburtstag Leonardo
da Vincis einen bildhaften Einblick in das künstlerische Schaffen des großen Genies, und im Februar 1953
hielt der Florentiner Professor Dr. Sante David einen Vortrag über “Pirandello als Dramatiker“, und blieb auch
die nächsten 50 Jahre der DIG treu.
Und weil die DIG keine eigenen Räume hatte, zog sie mit ihren Veranstaltungen wie Nomaden von Ort zu Ort:
Mal trafen sie sich im Café „Hauptpost“ oder dem „Rossi“, dann in der „Künstlerkneipe“ in Daxlanden oder dem
Restaurant „Zum Salmen“. Die Sprachkurse fanden in verschiedenen Schulen statt, und die eigene Bibliothek
eröffnete 1952 im Hinterzimmer der alteingesessenen Buchhandlung Lugert, Inhaber Johann Lugert war DIG-Mitglied.
Im April 1954 ging es dann auf die erste große Italienreise: Neapel, Sorrent, Capri, Vico Equense, Pompei, Paestum,
Salerno, Rom, Castel Gandolfo, Tivoli, Ostia Antica. Neapel, Rom. Die Teilnehmer waren begeistert von der Verpflegung
und den Unterkünften. Vor allem aber waren sie fasziniert vom neuen Blick auf Rom und Neapel, auf die Umgebung und
die Landschaft. „Italien von einer ganz anderen Seite kennen zu lernen, als dies bei sonst üblichen Reisen der Fall ist“,
ist in einem Rundbrief des gleichen Jahres zu lesen: „Darüber hinaus ist noch erwähnenswert, dass uns die zuständigen
italienischen Ministerien in kaum zu überbietender und großzügiger Weise insofern entgegenkamen, als sie uns in den
überfüllten Zügen jeweils gepolsterte Abteile reservieren ließen und uns freien Eintritt in die staatlichen Museen und kulturellen
Einrichtungen gewährten
Neben der „Bildungsarbeit“ und ihren vergnüglichen Begleiterscheinungen, wie Wanderungen in die nähere Umgebung
Karlsruhes, Feste an Fasching und Weihnachten oder Liederabende, spielten aber auch soziale Aktivitäten von Anfang
an eine große Rolle: Die italienischen Mitglieder wurden bei behördlichen Angelegenheiten tatkräftig unterstützt, „Deutschkurse für Italiener“
eingerichtet und immer wieder Geld und Sachspenden gesammelt für italienische Katastrophengebiete.
Das erste Mal, als Ende 1951 durch verheerende Unwetter Dämme in der Po-Ebene brachen, und die Wassermassen ganze
Landstriche, Städte und Dörfer überfluteten, Tausende obdachlos wurden und Hunderte ertranken. Damals kamen bei
einer Wohltätigkeitsveranstaltung, einem Vortrag und einem Konzert mit Sängern des Badischen Staatstheaters unter der
Leitung des Generalmusikdirektors Otto Matzerat, beachtliche 500 DM zusammen, und die DIG erntete „großes Lob vonseiten
des Italienischen Generalkonsulats Stuttgart“.
1971 war ein bahnbrechendes Jahr und ein bedeutender Meilenstein in der Geschichte der DIG: Nach 21 Jahren ohne feste
Bleibe ging ein langersehnter Wunschtraum endlich in Erfüllung, der Verein wurde sesshaft und bezog am 24. Januar
seine ersten eigenen Räume in der Kaiserstraße 150. Selbstverständlich nicht ohne triftigen Grund: Einige couragierte
DIG-Mitglieder hatten das „Schul- und Kulturzentrum“ gegründet mit der „Doposcuola“.
Wie bisher wurden Sprachkurse, Konversationsabende, breitgefächerte kulturelle und gesellschaftliche Veranstaltungen
angeboten und die Bibliothek mit Lesesaal war jetzt in den eigenen vier Wänden untergebracht. Aber jetzt ging es auch
noch um die Integration von Kindern und Jugendlichen: Die „Doposcuola“ war die erste Hausaufgabenbetreuung für
italienische Schüler von der Grundschule bis zum Gymnasium in Deutschland.
Jeden Nachmittag halfen ehrenamtliche DIG-Mitglieder bei der Bewältigung der Hausaufgaben und beim Deutschlernen.
Etwas später wurden dann auch Feste gefeiert, Theater gespielt, ebenso standen Museumsbesuche, Ausflüge und
Malkurse in der Kunsthalle auf dem Programm. Ab 1976 bewilligte und finanzierte das italienische Generalkonsulat
dann einen hauptamtlichen Lehrer.
Renoviert wurden die Räume am Europaplatz, die auch heute noch Sitz der DIG sind, natürlich in Eigenregie,
und zwar hauptsächlich von den handwerklich begabten italienischen Mitgliedern: Jeder stöberte in seinem
Keller oder auf dem Speicher nach Tapetenresten, nach Stoffen für die schweren Vorhänge, nach Kunstholz
für die Wandtäfelung. Für die „Doposcuola“ wurden Tische und Stühle vor allem in kleinen Kinderausführungen
angeschafft und eine Tafel fehlte auch nicht. Allerdings gab es einige misstrauische Väter, die das Zentrum
erst ganz genau inspizierten, den DIGlern gehörig auf den Zahn fühlten, bevor sie ihre kleinen Prinzessinnen
zur Betreuung schickten. Aber es dauerte nicht lange, da barst die „Doposcuola“ mit 70 bis 80 Schülern schon
schier aus allen Nähten, und die „Lehrer“ hatten alle Hände voll zu tun. Gleichzeitig war der Andrang auch
eine große Bestätigung für die Notwendigkeit solcher Einrichtungen und eine Anerkennung für ihre professionelle
Integrationshilfe.
1991, nach 20 erfolgreichen Jahren hatte sich die „Doposcuola“ dann überlebt: Andere Institutionen übernahmen
diese Aufgaben, und die Gesellschaftsstruktur der italienischen Karlsruher hatte sich verändert. Die „Doposcuola“
musste mit großem Bedauern mangels Interesse schließen. „Uns bleibt jedoch die Genugtuung, dass aufgrund
dieser Initiative die DIG Karlsruhe sowohl in Deutschland als auch in Italien bis in oberste Regierungskreise hinein
hohes Ansehen erlangt hat“, schreibt Chronistin Margot Kistner nicht ohne Wehmut.
Das emsige Treiben der DIG, die seitdem eine rein kulturelle Gesellschaft ist, ging natürlich weiter. Noch in
den 1970er Jahren wurde eine Jugendgruppe und ein Literaturzirkel gegründet und 1975 einigen Mitgliedern “in
Würdigung der großen Verdienste um die deutsch-italienische Zusammenarbeit“ durch den italienischen Generalkonsul
hohe Orden verliehen.
In den 1980ern kamen die Kochkurse und der Schüleraustausch dazu, im Jahr 2000 passte sich die DIG dem
Computerzeitalter an und 2003 wurde Guglielmo Rossi, als erster Italiener achter Präsident der Gesellschaft. 2006
schließlich wurde aus dem kleinen, altmodisch eingerichteten Zentrum ein modernes, freundliches und lichtdurchflutetes „Centro“
mit ein paar Quadratmetern mehr und modernstem technischem Equipment. Wo pro Semester über 20 Sprachkurse
stattfinden und Filmabende, etliche Vorträge gehalten werden und in einem Zirkel über italienische Literatur geplaudert wird.
Dieses Jahr organisiert die DIG die 10. Kulturbörse der Deutsch-Italienischen Gesellschaften aus Deutschland und Italien,
die, 1989, gegründet sich im zweijährigen Turnus um Kontakte, Austausch und Netzwerkbildung kümmert. Und
natürlich gehören nach wie vor die DIG-Bar, der Stammtisch, Kochkurse sowie Studienfahrten und Feste zum Programm.
Sie ist im besten Alter, die DIG, mit ihren 60 Jahren, und immer noch wohnhaft in der Kaiserstraße 150: zwischen Mc Donalds
und Wiener Feinbäckerei, eine Ortsbeschreibung ganz nach italophiler DIG-Manier.